Soeben erschienen In der Literaturzeitschrift
entwürfe zum thema "durst": Der Text "Beim Wort genommen". Der Text ist in der Zeitschrift zu finden (wird hier erst später gepostet), das Scrabble, das dem Text zugrunde liegt, ist dieses.
Ausserdem ebenfalls in Entwürfe: Rezension zum Buch "der Hut, das Wasser, die Liebe" von Lea Müller.
innsbruck, bahnhof
(für G. J.)
an einem dieser
heissen sommertage
sagt ein mann
zur frau
als der zug einfährt
wo ist denn nun der anfang?
am ende?
17.1.2006
Kurzgeschichte, abgedruckt in der Tiroler Tageszeitung vom 26.3.2007
„Ein falscher Schritt, und du bist am Ziel anderer“ (Stanislaw Jerzy Lec)
Sie ging selten nach draussen. Sie blieb im Haus. Zuhause mit Nathaniel („Nate“), zuhause mit Captain Jim, zuhause mit Bree und Lynette. Mit allen von ihnen zuhause. Am liebsten zuhause: mit allen zusammen, abwechslungsweise. Sie mochte sie alle, und am meisten diejenigen, die sie lange haben konnte. Sie verbrachte Abende mit ihnen, Nächte, Wochenenden. Lustige, wilde, verliebte, gefährliche, traurige, wonach es ihr war. Niemals war Langeweile aufgekommen, stets blieben Fragen offen, existierten heimliche Geschichten hinter den Geschich-ten, grosse Gefühle, Spannung.
Sie war nicht immer einverstanden mit ihren Meinungen und Taten. Jedoch musste sie sich eingestehen, dass gerade dann, wenn sie nicht einverstanden war mit gewissen Meinungen und Taten, es besonders prickelnd war. In diesem Fall musste sie ihnen unbedingte Aufmerksamkeit schenken, um ja nichts zu verpassen. Mitreden, sich beteiligen, mitten drin sein.
Sie führte sogar Buch, ein Tagebuch, in dem sie ausnehmend bewegende oder bemerkenswerte Ereignisse festhielt um eingehend darüber nachzudenken, welche Konsequenzen diese ergeben könnten und was diese Konsequenzen bedeuteten. Wichtig war es, dass sie sich im Klaren darüber war, wie sie selbst reagieren würde, wenn...
Sie hätte darüber reden können. Mit einigen ihrer Kolleginnen am Arbeitsplatz, jenen, die ihre Liebsten ebenfalls kannten. Davor nahm sie sich aber meistens in acht. Zu kostbar waren die Gefühle, die vielen erfüllten Stunden hütete sie eifersüchtig, es waren ihre Liebsten; Nate, Captain Jim, Bree und Lynette. Sie gewöhnte sich an, eigentlich nichts mehr zu reden tagsüber. Sie horchte dafür genau hin bei den Pausengesprächen. Sie quittierte, bejahte, nickte. Deswegen war sie nicht unbeliebt. Eine gute Zuhörerin, sagte man. Ihre Kolleginnen kamen nie zu kurz, und ihr blieb genug Zeit zum Träumen und sich auf die Abende zu freuen.
Starb einer ihrer Liebsten oder wurde eine Geschichte nicht weitergeführt, trauerte sie. Manchmal wochenlang. Nichts konnte sie trauriger machen. Vor zwei Jahren, als ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, fühlte sie sich während der Trauerfeier wie ein Fremdkörper. Die Trauer, die sie umgab, kam nicht an sie heran. Kam nicht in sie hinein. Nates Tod dagegen war ihr viel näher gegangen. Tagelang hatte sie sich in den Schlaf weinen können: Ein aufrichtiges Weinen, rein und echt und irgendwie schön.
Nachts, wenn sie vor ihnen – nein – bei ihnen sass, war sie daheim. Dann lachte sie; dann weinte sie. Nichts fehlte ihr dann. Und war es der Fall, dass ihr Mann früher nach Hause kam, war das nicht schlimm. Was sein Lieblingsprogramm war, wusste sie schon lange nicht mehr. Und er fragte sie nicht nach dem ihren. Überhaupt redeten sie wenig. Getrennte Schlafzimmer (er schnarchte) und in jedem Schlafzimmer einen Fernseher. Genug, um glücklich zu sein.
(c) Magdalena Kauz
Neu auf der
Website des Goethe-Institus Tokio:
Die Resultate der Schreibwerkstatt im Dezember 2006 mit Heisl/Kauz in Tokio. Schön wars!
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drei äpfel
schenkt mir
am marktstand
seines vaters
ein stolzer junge
ein paar schritte weiter
frage ich
ob die rosen duften
und bekomme
ein schnelles nein
auf dem heimweg
leuchten in meiner tasche
drei rote
berner rosen
so heissen die äpfel
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der (zweit)längste tag des jahres
zehn uhr nachts und es will
nicht dunkel werden
und heiss ist es
zwei kleine mädchen mit
weissen blumen in den händen
der papa schimpft „einsteigen!“
und heiss ist es
und der überwachungsmonitor der
tram-endschlaufe zeigt nur unscharfe
bilder schön farbig
und heiss ist es
und ein paar steht dort
beide kopfschüttelnd
er steigt ein
heiss ist es
20.6.06 mk
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